Verpasste Trauer im Lauf der Zeit

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Ein gutes Beispiel für bewusst verpasste Trauer ist die Herausgeberin der Wirtschaftswoche, Frau Prof. Dr. phil. Miriam Meckel. Sie ist ständig unterhaltsam und sie ist ständig im Redefluss. Im Laufe vieler Interviews hat man das Gefühl, dass sie im Grunde DIE Frage fürchtet, die noch nicht gestellt wurde. Es gibt immer eine Frage, die trauernde Menschen fürchten. Diese Frage ist natürlich individuell und ich befürchte, dass es eines Tages eine Talkshow geben wird, in der sie sich ihrer Frage stellen muss. Höchstwahrscheinlich wird sie dann nur noch weinen können, weil DIE Frage stets unerwartet kommt und sämtliche Schutzmechanismen dezent umgeht. Frau Professor Dr. phil. Meckel trägt gerne auffallend große Uhren. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ formuliert Kant: "Zeit ist unser Zugang zur Welt. Damit gehört sie zu den subjektiv-menschlichen Bedingungen der Welterkenntnis und ist somit die besondere Form, die das menschliche Bewusstsein den Sinneseindrücken verleiht." Ihr Gespräch mit Peter Turi am 28.4.18 führt an allen Kernen vorbei. Es geht um ihr mittlerweile verfilmtes Buch: "Brief an mein Leben." Es geht um ihre Arbeit an der Universität St. Gallen, um den Tod der Mutter, um stimulierende Elektroden, die sie sich in Boston an den Kopf klebt, um dunkle Räume, in denen ihr das Gehirn Streiche spielt, um Listen, die sie als Schlaftherapie einsetzt. Prof. Dr. phil. Miriam Meckel gehört zu den Frauen, die gerne große Ringe tragen. Sie ist keinfalls ein unangenehmer oder unsympathischer Mensch; und doch würde ich ihr nicht in die Zukunft folgen wollen. Ihre Herangehensweise erinnert an jene Experten, die Rückführungen in ein vorheriges Leben anbieten. Sie hat den psychologisch esoterischen Boden längst betreten. Die Zuschauer sehen eine unspirituelle Akademikerin, weil sie eine unspirituelle Akademikerin sehen wollen. Sie sehen nicht, dass Prof. Dr. phil. Miriam Meckel einen psychologisch esoterischen Boden betreten hat, den sie ohne Spiritualität weder erleben noch überleben kann. Spiritualität, ein zunächst ungemein gutes und sehr sattes Gefühl, erlebt man ausschließlich im Hier und im Jetzt. Dieses Verpassen ist durchaus ein Phänomen der digitalen Moderne; und das verwandelt das gesamte Diesseits logischerweise in ein sehr großes Jenseits. Schade eigentlich!