Überflieger

Marschner_ILA
In Berlin sammelten sich über einen langen Zeitraum auch Überflieger. Ich traf Menschen, die mit Roland Emmerich unbedingt einen Film drehen wollten. Ich traf Menschen, die Si-Fi Romane in Arbeit hatten, an denen sie wahrscheinlich noch heute arbeiten. Es gab Menschen, die sich meine Arbeit wie eine Feder an ihren Hut steckten: "Ich kenne eine verrückte Bestatterin." Die Stigmatisierung ist ein wichtiger Teil ihres Lebens. Es gab die Kinder aus Beamtenfamilien, die sich unwahrscheinlich locker fanden, im Rauchhaus an einer Bong zogen und sich für sozialkritische Menschen hielten. Es gab wAhnsinnig wichtige Schauspieler, Filmemacher, Designer und Maler, die den Lackierer nicht treffen wollten. Der bleibt schließlich immer rechts. Das weiß man doch! Es gab unendlich viele Hartz IV Empfänger auf höchstem Niveau, aus besten Verhältnissen, die in Russland Dokus drehen wollten, dem reichen Elternhaus beweisen mussten, dass sie deren Leben niemals leben wollten. Sie lebten es auf Kosten der Hauptschüler aus, auf Kosten der Marzahner, auf Kosten der Proleten, die man zu verachten gelernt hat. Sie kamen aus deutschen Provinzen und Dörfern. Die Gestaltung Berlins hat sie nie interessiert. Diese Stadt war immer nur eine Feder, die man sich an den Hut steckt. Heute besuche ich die ILA. Ein echter Flieger macht mit mir eine Fahrradtour über das Gelände. 2 Eurofighter fliegen durch die Luft. Sie sind schneller als schnell und lauter als laut. Mir schießen die Tränen in die Augen, weil sich das Gefühl des Kalten Krieges ausbreitet. Gibt es Krieg? Ist das Frieden? Für viele Besucher ist das militärische Szenario ein guter Film. Top Gun und einfach nur geil. "Fürchten Sie sich vor Krieg und vor dem Tod?" Mein Guide ist ein in sich ruhender Mensch. Er ist ist extrem sachlich und sehr präzise. "Ich habe gelernt, wie ich damit umgehen muss. Das gehört zu meinem Beruf." Ich hatte gehofft, dass er mich auslacht. Wir fahren an einer japanischen Einheit vorbei. Ein Soldat fächert sich Luft mit einem blauen Fächer zu. Da ist sie, die Freude am Krieg, die man über Feste und Musik lernt. Noch nie habe ich japanische Soldaten gesehen. Überhaupt…alle Soldaten auf diesem Flugfeld vertragen sich gut. Sie machen Späße. Sie grüßen sich. Sie helfen sich. Ich erinnere einen Bericht über einen amerikanischen Soldaten, der im Irak einen Mann erschießen musste. Er musste die Augen schließen, bevor er abdrücken konnte. Nach dem Einsatz im Irak hat er sich selbst das Leben genommen. Auf dem ILA-Feld sind Mütter und Kinder mit Ohrenschützern. Niemals würden sie mit ihren Kindern gegen den Krieg demonstrieren. Menschen verabscheuen heute die Überflieger aus Politik und Wirtschaft, aus Gesellschaft und Medien. Vielleicht vertrauen sie deshalb nur noch den echten Fliegern?!