Neulich in der Paris Bar

Marschner_Paris
Elke, eine von mir äußerst geschätzte und sehr verehrte Freundin, und ich gingen ins Renaissance Theater: "Wer hat Angst vor V. W.?" Wir beide warfen uns in Schale. Ich trug die schlichten Nadeln. Sie trug ein exorbitant futuristisch silbernes Winterensemble - ein geteilter Raumanzug, der zu einer rasanten Michelin-Tour einlud, von Null auf Hundert in ihren Schuhen eskalierend. Diese ihre Schuhe waren DIE Hommage an jene Puderquasten, die einen galaktischen Auftritt garantieren. Theaterräume sind Kirchen, in denen gebeichtet wird. Kein Besucher ist laut. Im Foyer wird getuschelt. Die Klingel ist die Glocke. Die zweite "Glocke" öffnet die heiligen Hallen. Simone Thomalla in der Rolle der Martha. Ich verstehe sie nicht als billige Trinkerin, die besoffen auftaucht, um dummes Zeug zu faseln. Der Alkohol ist vielmehr ihr persönliches Weihwasser, das die Zunge löst, die Wahrheit erlöst. Überhaupt ist nichts billig oder ordinär. Das Theater nicht. Die Bühne nicht. Die Protagonisten nicht. Marthas Gatte lässt die wertvollen Hosen fallen. Die Auseinandersetzung ist orthodox. Dieses Ehepaar kämpft nicht um das Bestehen der Ehe. In ihr wiegen sich beide Partner sicher. Sie bezweifeln die Ethik auf hohem Niveau. Sie bestreiten ein religiös moralisches Reglement. Das jüngere Paar wird nicht in ihren Sumpf gezogen. Es wird eingeweiht - in die freiwillige und unabhängige Abhängigkeit. Virginia Woolf war eine Vorlage für die 68er Bewegung. Sie führte die Genderdebatte nie im Vordergrund. Virginia Woolfs Kernaussagen lagen stets im Hintergrund. Am Ende der Vorstellung rief ich: "Bravo!", weil der Hintergrund sehr gut angespielt wurde. Das macht man eigentlich nur in italienischen "Kirchen". Nach der Vorstellung gingen wir in die Paris Bar. Dort sind nach wie vor alle Menschen Man Ray, Monroe, Bécaud. Der Vordergrund ist dort ungemein wichtig. Wir setzen uns an einen kleinen Tisch im hinteren Raum. Ich werde quasi gezwungen, ein Leichenfoto an der Wand direkt zu betrachten: Zwei unfreundlich schmutzige Männer - im Irgendwo - zerren einen toten Mann durch hohe Gräser. Ein Sandloch, mies gebuddelt, ist das erklärte Ziel. Dem Toten - er wirkt getötet - ließ man nur noch die Unterhose. Eine endgültige Demütigung. Die Dummen, nicht die Unorthodoxen, erklären ein gebuddeltes Loch zum Grab, einen Toten zum Verstorbenen, eine Unterhose zur angemessenen Bekleidung. Der Kellner brachte uns Salat und Matjes. Elke schätze ich so sehr, weil sie gutes Theater erkennt und schlechtes Theater sofort trennt.