Die Eleganz des Igels

Mein Lieblingsbuch wurde von einer Französin geschrieben. Das allein macht das Buch besonders: Madame Michel. Die Concierge. In DER Rue de Grenelle. Muriel Barbery. Geboren in Casablanca. Absolventin der "Normale sup". Philosophiedozentin in der Normandie. Die Terrasse vor meinem Geschäft ist noch nicht gestaltet. Der Anblick von drinnen ist wunderbar. Das Auge blickt auf warme Farben. Hausbewohner und Gäste des Cafés parken ihre Fahrräder gerne auf meiner Terrasse. Sie diskutieren, wenn ich sie darum bitte, die Fläche zu verlassen. "Halt die Fresse. Dann mach doch hier einen Zaun hin." Ein Mann, der mir in meinen Räumen den Mund verbieten möchte, der mir gleichermaßen einen Zaun empfiehlt, wird seinen Schwiegereltern für seine Eigentumswohnung ewig dankbar sein müssen. So einer kann keinen Coffee-to-go als Dankeschön anbieten. Der erste Satz in dem Buch von Muriel Barbery klingt nicht zauberhaft: "Um Marx zu verstehen und zu verstehen, warum er unrecht hat, muss man ,Die deutsche Ideologie' lesen." Die Bewohnerin über mir stampfte zur Begrüßung über meine Terrasse. Sie presste ein Gerät in ihr Gesicht. Italienische oder spanische Sprachfetzen flogen. Sie wurde lauter und lauter. In der Betrachtung, aus den Räumen heraus, wirkte sie schwerkrank. Die modische Glitzerjacke konnte sie nicht mehr retten. Ihr Zorry meinte: "Halt die Fresse." Sie huschte davon und ihre Haltung war zertrampelt. Ich hoffe nur, dass die Katzenhaare auf meiner hinteren Terrasse von einem Kater stammen, der Tolstoi heißt. Die Kinder am Am Lokdepot sind hoffentlich nicht suizidgefährdet, wie die 13-jährige Paloma aus der Rue de Grenelle. Ein hochbegabtes Mädchen, das die Harmonie in der Bewegung der Welt vermisst: "…so wäre mein Leben doch der Mühe wert." Mir gefällt die Idee sehr, dass durchaus hochnäsige Kinder auf meiner Terrasse Go spielen, einen Faible für das Schöne und Reine hegen. Erst wollte ich ein weißes Tuch über den Boden meiner Terrasse spannen. Das funktioniert allerdings nur mit Menschen, die eine achtsam gepflegte und sortierte Vergangenheit in sich tragen. Die Idee habe ich schnell gelassen. In den oberen Etagen wohnt der Aufwiegler mit seiner dominanten Gattin. Sie dachten, dass ein Haus sie verändern könnte. Die Gattin glaubt fest daran, dass ihre Ehe perfekt ist, wenn er die Kleidung trägt, die sie ihm in Internetkatalogen bestellt. Selten haben sie Gäste. Vor dem Wochenende wurde ein Fahrrad an das Geländer meiner Terrasse gekettet. Es hätte im Flur stehen können. Es hätte im Hof stehen können. Ich klingle im ganzen Haus. Alle Anwesenden verstecken sich hinter ihren "Gardinen". Ich nehme die Flex und löse die Kette vom Fahrrad. Ich denke, während die Funken sprühen, an Madame Michel. Ich bin begeistert, dass der Akku lange aufgeladen bleibt; und ich wünsche mir, dass bald ein freundlicher Japaner im Haus einziehen wird. Dann höre ich aus der oberen Etage Rufe. Menschen winken mir zu! Sie sahen das, was sie sehen wollten, um ihr Dasein mit Geschichten anreichern zu können. Und dann, urplötzlich, wird mir klar, dass ich meine Terrasse mit Licht gestalten muss. Das konnten Menschen nie zerstören - das Licht. Die Eleganz des Igels beschreibt, dass ein Bauwerk, ein Kunstwerk kein Mittel gegen den Tod ist.