Zeichen ohne Wunder

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Erkennungszeichen geben eine Vorstellung von etwas, das nicht gegenwärtig sein muss. Trendzeichen im Internet sind flat, flach. Sie ziehen sich durch die gesamte virtuelle "Landschaft". Das individuelle Gesicht verschwindet. Es braucht keine Nase, keinen Mund, keine Augen. Ein unterbrochener Kreis schaltet etwas ein und/oder aus. Der Brief ist kein Brief; er bezeichnet eine E-Mail. Der Papierflieger steht nicht für eine gebuchte Reise. Er bezeichnet klar den Versand einer elektronischen Mail. Das ein Flieger aus dem Material Papier ein völlig unsinniges Zeichen ist, fällt keinem Menschen auf. Zeichen führen zu einer Verschmelzung, die ohne Gefühlsregungen angenommen wird. Mit Inhalt gefüllte Zeichen werden Symbole. Kein Verkehrsteilnehmer hinterfragt die Straßenschilder. Kinder studieren die Zeichen ein, ohne Emotionen zu entwickeln. Dann müssen sie die Zeichen befolgen. Kein Autofahrer findet ein Kurvenzeichen symbolisch. Die Vorfahrt ist keine Metapher. Sie ist eine Anordnung. Das kollektive Unbewusstsein verbindet Menschen also mit dem Straßenverkehr, nicht aber mit anderen Verkehrsteilnehmern. Die Industrie produziert nicht plötzlich schicke blaue Vorfahrtsschilder. Die Uniform ist Einheit! Bei 30 km/h stört man auf allen Wegen. Bei 210 km/h ist man immer kriminell. Ungehorsame bemalen oder gestalten die Straßenschilder. Sie verändern diese Uniform. Sie sind nicht bösartig. Sie haben vielleicht einfach nur Hannah Arendt verstanden. Der Tod, mächtig, autonom und extrem radikal, kennt keine Regeln und so kennt die Trauer natürlich keine Uniform. Religiöse Symbole versuchen Ordnung in ein Chaos zu bringen. Sie dürfen niemals gesellschaftliche oder politische Zeichen werden. Heilige Schriften sind keine Betriebsanleitungen, keine Bücher. Sie tragen gewissermaßen magische Zauberformeln. Prediger lesen sie vor, Scharlatane verdrehen die Symbole und Meister beherrschen die Formeln. Der Zauber des Lebens verschwindet, wenn nur noch Zeichen befolgt werden. Das Foto einer Bestatterin mit IPhone kann nicht mehr zugeordnet werden, weil die Zeichen fehlen. In einer uniformierten Gesellschaft gibt es keine Kriegsgegner, die ihr Gesicht zeigen können. In einer uniformierten Multikultur gibt es keine politisch talentierten Globalplayer. In einer uniformierten Gesellschaft sind bereits polyglotte Menschen verdächtige Außenseiter. Mathematik ist schon heute nur eine Reihe von Zahlen, die nicht in einen Zusammenhang gebracht werden können. Kommunikation fällt komplett aus. Uniforme Zeichen fehlen. Interpreten verlieren sich in ihren Deutungen. Die intrapersonelle und die interpersonelle Intelligenz wird gepresst. Blaue und schwarze Herzen ergeben überhaupt keinen Sinn. Es sind uniforme Zeichen, die, wenn sie lange genug studiert werden, erklärbar erscheinen. Trauer trägt keine Uniform. Wer sie in eine Uniform presst…will sie ersticken.