Béton brut

Marschner_Grill
Ich habe das Gefühl, dass mich der Brutalismus Berlins besiegen will. Meine neuen Geschäftsräume sind wundervoll. Das Gesamtwerk am Am Lokdepot ist ein Berliner Paradestück im Bereich Neuer Brutalismus. Signalrotes Aluminium an Ziegel und Beton. Durch die energetische Bauweise, durch die perfekte Baukunst bleibt die Wärme in den Räumen. Ich weiß heute, wie sich echte 21 Grad anfühlen. Der Brutalismus ist perfekt. Er ist edel. Er macht aus Menschen Porschebesitzer. Er kleidet Menschen in Armani. "Wir sind jetzt perfekt - so perfekt, wie der Beton. Wir sind jetzt auch Brutalismus." Der Brutalismus greift immer ein. Im Krematorium Treptow wird jede menschliche Deko entfernt: "Bei uns wurde Cloud-Atlas gefilmt. Der Architekt hat heute eine Führung mit Studenten." Im Kanzleramt wandelt kein Mensch durch die Wandelgänge. Der Sterbebegleiter geht um. Auch am Am Lokdepot geht ein Sterbebegleiter um. Er fotografiert unperfekten Müll. Er fotografiert Falschparker, die die perfekte Straße besudeln. Er geht sogar über fremde Terrassen und entfernt Party-Knicklichter. Er kämpft für den Brutalismus, der ihn in Besitz genommen hat. Schon heute räumt er für den Brutalismus auf. Die persönliche Note geht im Brutalismus unter, wenn man sie nicht verteidigt. Menschen ändern schnell ihre Namen: WirwohnenAmLokdepot - Wirwohnenurban - DerArchitektwohntdirektnebenuns. Eine Pfarrerin läd mich in ihre Gemeinde ein. Im Hauptmenü, so muss ich es im Brutalismus beschreiben, geht es um "Weibsbilder". In einem Untermenü geht es um den lebendigen Umgang mit dem Tod. Ich verlange übrigens nie Honorare von religiösen Institutionen. Ich vereinbare ein Gebet, das der jeweilige Geistliche für mich sprechen soll - möglichst das ganze Rundumpaket. Eines Tages beten alle Spirituellen Berlins für mich. Der Brutalismus kann mich niemals besiegen. Ich treffe tolle Ü50-Frauen. Der Beamer wird mit Bildern gespeist: Luftballons auf einem Friedhof. Ein lächelnder Pfarrer. Junge Musiker, die einen Urnenträger rahmen, die ihren Verstorbenen ehren, die gelebte Multikultur nicht verstecken. Ein Eichhörnchen knabbert Nüsse an einem Grab. Bunte Särge in einem Park. Fußballurnen auf einer weiten Wiese. Ein im Brutalismus wartender Grill, der am Ausgang des Krematoriums Treptow einen Platz finden konnte. Ich erzähle die Geschichte, in der ein junger Enkel seine Eltern ermahnt: "Oma braucht noch Licht im Sarg! Oma hat nachts immer kleine Lichter angemacht. Oma hat immer gesagt: Die Nacht ist mir zu duster. Ich kann so einfach nicht schlafen." Ich erzähle den Frauen, dass wir eine LED-Lichtquelle in den Innenbereich des Sarges montierten. Der Beamer lässt die Bilder ein zweites Mal laufen: "Wohin gehört eigentlich der Grill?", fragt eine skeptisch resolute Frau. Ich setze meine Stimme tiefer… denn für diese geheimnisvolle Geschichte, die ihren Ur-Sprung im Iran macht, ihren Weg über die Ukraine nimmt, in Erfurt mündet und schließlich in Berlin landet, fehlt die Zeit. Ein Abend geht zu Ende. Die Geschichte erzähle ich Euch beim nächsten Mal. Heute habe ich zwei Fragen: Ist der Brutalismus zwangsläufig Sterbebegleiter der Kulturen, der Subkulturen, also der Multikulturen? Möchte der Brutalismus ureigene Geschichten unterbinden? Meine Kaffeemaschine ist lauter geworden. Kann das sein? Vielleicht kämpft sie ebenfalls mit dem Brutalismus, kämpft ihren persönlichen Kaffee heraus!?