Wenn die Rüstung fällt

Marschner_Medien
Amerika war für mich das offenkundige Land der Retter, der Befreier, der Gewinner, der Stars, der Schnellen und Intelligenten. Es war das Land der Präsidenten. In Amerika lebten Unerschrockene, Mutige und Gerechte. In Amerika lebten nie Menschen - schon überhaupt keine Menschen mit Problemen. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass amerikanische Soldaten in Kriege ziehen. Sie retteten die Welt. Deutsche Kritiker nannte man Kommunisten, Linke, Ökos, psychoesoterische Spinner. Gegner des Vietnamkriegs waren die Gestrigen. Das Wort Kriegsmüdigkeit drang nie in die Welt. Schon vor 9/11 schien ein unausgesprochenes oder ausgesprochenes Berichterstattungsgesetz zu kriseln. Die ersten sozialkritischen Nachrichten, die es über Jahrzehnte nicht gab, erreichten die Welt. Amerikaner haben bis zu 3 Jobs. Busfahrer können sich kaum eine Wohnung leisten. Eine medizinisch gute Versorgung muss privat geschultert werden. "Ein Mann muss seine Familie ernähren können." Ein lange kultivierter Satz, der aus allen Amerikanern und Amerikanerinnen einen John Wayne machte. Und dann kam 9/11 und mit 9/11 der Ruf des Präsidenten zum Irakkrieg! Und plötzlich gab es Menschen in Amerika? Es gab tatsächlich systemkritische Menschen in den USA, die diesen Krieg ablehnten? Konservative Medien in Deutschland, gerne auch im Ausland tätig, berichteten bis dahin ehrfürchtig über einen Großen Bruder. In Deutschland werden die unglaublichen Errungenschaften der gesamten 68-er Bewegung bis heute vertuscht und so berichtete kein Journalist über eine große Schwester - weiblich, traurig, arm, die ihren Sohn durch Crack verlor, die ihren Vater in einem Krieg verlor, die ihren Bruder in einem anderen Krieg verlor, die ihre Arztrechnungen nie bezahlen kann. In Deutschland glaubt man wirklich noch heute, dass wir unsere anitautoritäre Erziehung Amerika zu verdanken haben. Gewalt in der Ehe ist strafbar. Homosexualität ist nicht mehr strafbar. Ein Familientherapeut, ein Kinderpsychologe ist kein Makel. Sexualität ist nicht unmoralisch und Freud kam aus Österreich. Kirche und Staat wurden getrennt. Sie leben bis heute in einer Koexistenz, die gute Gründe hat. In Deutschland verklärte man Russland lange als Mütterchen Russland, also eine weise alte Frau, die still an einem Kamin saß und russische Lieder über starke Söhne sang, die tapfer auf die Jagd gingen, damit sie Fellmützen für den kalten Winter nähen konnte. Eine alte Frau, demnach keine Retterin, ermöglichte ihren mit Amerika im Wettstreit liegenden Söhnen die erste Mondlandung. Ihre Söhne wurden Oligarchen. Und Mütterchen Russland gebar scheinbar heimlich die Pussy Riots. Junge Frauen, die bunte Strickmützen über ihren Gesichtern trugen, sprangen in einen Dom - wie Gott sie schuf. Dafür kamen sie vor Gericht und in ein Straflager - ohne Tischtennis und ohne TV-Gerät. In Russland gibt es Menschen? Es gibt systemkritische Menschen, die für Kritik spurlos verschwinden? Ist Mütterchen etwa autoritär? In Deutschland wundert man sich heute über die Fake-News. Machtmenschen wollen stets die Trauer der anderen ersticken. Sie ignorieren Wahrheit. Sie ignorieren Tatsachen. Es sind gefährliche Menschen, weil sie ihre Schuld immer auf andere Menschen verlagern, die trauern können, die weinen können, die die einfachsten Wahrheiten sagen möchten, die eine Geschichte abschließen können. Donald Trump ist so ein Machtmensch. Er ist offenkundig kein intellektueller Mensch. Er ist nicht smart. Er ist eher nicht empathisch. Im Wahlkampf sagte er Busfahrern, Straßenfegern, Krankenschwestern und Polizisten: "Oh. I am really rich." Im Jahr 2017 lag die Staatsverschuldung bei 20,5 Billionen US-Dollar. Die Aussage zeigt eine unamerikanische Verbitterung, die eine bereits aufgedeckte Tatsache ignoriert. Herr Trump ist wütend. Er kann nicht trauern und so hetzt er sein Land auf: "Ihr seid groß, wenn ich groß bin. Lehman Brothers waren Mexikaner. Die haben euch die Kredite gegeben. Muslime brachten den Terror. Meine Freunde sind unschuldig. Sie kauften vor 9/11 keine Put-Optionen." Wütende Menschen, die nicht trauern können und das Trauern nicht gönnen können sind psychotisch. Banken misstrauen anderen Banken bei Finanzgeschäften. Weltweit wurden weniger Kredite vergeben. Kriegsspiele im Netzwerk sollen Kindern in Deutschland Freude bringen, wie einst Donald Duck den Krieg austreiben sollte. "Deutschland muss mehr Verantwortung übernehmen!" Deutsche reisen nach Vietnam, nach China, nach Thailand. Sie decken auch die Ausbeutung der westlichen Welt auf. Endlich kommen auch ungeschliffene Nachrichten, die ein Bild über ein globales Trauerspiel vermitteln. Junge Amerikaner reisen häufiger um die Welt. Vielleicht möchten sie sagen: "Donald, hör doch auf! Du bist doch nur ein Fake! Wir wollen die Polarlichter sehen und mit echten Menschen träumen." Deutsche dürfen stolz sein, auf die Errungenschaften der 68er-Bewegung, die immer auch Pendler zwischen Ost und West waren. Wir sollten stolz darauf sein, dass diese Bewegung eine weltweite Bewegung war, die auch eine brachiale Meinungsfreiheit möglich machte, die immer Ausdruck von Trauer war, die immer Ausdruck von Verzweiflung war. Wütende Menschen, die nicht trauern können, stolpern am Ende immer über ihre eigenen Sätze. 'We don´t need people like you' war immer DAS amerikansiche Schutzschild, wenn traurige Menschen über ihre Schulden oder über ihre Geldsorgen sprechen wollten. Heute wollen Deutsche jene Amerikaner werden, die nach Vietnam und vor 9/11 you have to have it zelebrierten. Ihre Sprache, ihre Berufsbezeichnungen, ihre täglichen Amerikanismen sind sicher legitim aber eben nur ein Fake. Insofern stellen sich mir keine Fake-News-Fragen. Ich würde mich Elias Canetti anschließen, der ein Leben lang gegen den Tod anschrieb, weil er jeden Tod fürchtete.