Berlin und die Ungenauigkeiten

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Die ungenauen Berlin-Beobachtungen führten dazu, dass man über Jahre in den Medien hörte/las: "Berlin ist DIE Singlehauptstadt." So tropft eine ungenaue Meldung in den Volksmund. So wird eine ungenaue Meldung überliefert und geglaubt. In Berlin tümmelten sich über viele Jahre die beziehungsunfähigen Menschen, die nie wirklich in Berlin ankamen, die Berlin nie wirklich verstanden haben. Sie gaben sich Namen. Einige nannten sich Künstler. Andere fanden sich ungemein autonom. Wieder andere verkleideten sich kolossal elitär. So entstand auch die Offline; das Modespektakel: Der Bergbaulook in Zimmermannshose. Der Straßenfegerlook in Reflektorenjacke. Der Arbeiterlook mit Ballonmütze. Typische Berliner sind kinderlieb; sie finden große Familien ungemein heiter! Große Überraschung: Prolet ist keine korrekte Ableitung von Proletariat. In Berlin leben heute wieder viele Wunschkinder. Mich macht das sehr froh. Das spricht für eine wirklich aufgeklärte Gesellschaft. Wir können den §219a also mit gutem Gewissen streichen. Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden mussten, waren nie Opfer einer schlechten Werbekampagne. Heute werden Frauen für eine Merkel-Politik benutzt, die den Nachschub für Rentner berechnet. Nachschub ist das Gegenteil von Wunschkind, das Gegenteil von Aufklärung. Philomenia - sie ist etwa 7 Jahre alt - spielt mit ihrer Freundin auf meiner Terrasse. Wie Pakete rutschen beide die Kinderwagenrampe hinunter. Meine Kindheitsnarbe am Knie meldet sich. "Wir wissen genau was wir tun!" Klar. Wie dumm von mir. Berliner Gören waren die Erfinder der wahren Transparenz. "Was machst´n Du hier?!" Phil kommt mutig auf mich zu. Ihre jüngere Freundin folgt ihr. "Ist das ein Musikgeschäft!?" Die besprühte Lederjacke. Kluges Köpfchen. Ich führe sie zu dem Schaufenster, in dem das Buch 'Die besten Beerdigungen der Welt' ausgelegt ist. "Das machst Du?! Das ist aber traurig." Ich frage Phil nach möglichen Trauerfällen in der Familie. "Onkel Ernst ist tot. Er ist gestorben." Sie ruft den Geist von Onkel Ernst. Ihre jüngere Freundin zählt plötzlich unglaublich viele Namen auf. Phil korrigiert sie: "Die sind doch nicht tot! Die leben doch alle noch!" Ich sehe in den Himmel und winke Onkel Ernst zu. "Glaubst Du, dass es Geister gibt?" Klar. Ich erkläre ihr, dass sie selbst ein Geist war, vor ihrer Geburt, vor dem formulierten Wunsch ihrer Mutter. Phil hält inne. Sie scheint eine Plausibilitätsprüfung durchzuführen. "Wir dürfen eigentlich gar nicht mit Dir sprechen!" Ich frage enttäuscht nach dem Warum. "Na, weil Du eine Fremde bist!" Logisch. Kinder trainieren ihr Bauchgefühl und ihr Nackenhaar. Phil verabschiedet sich. Sie macht es so, wie es das Proletariat Berlins mit den vielen Durchreisenden zelebrierte: "Ich werde Dich immer in Erinnerung behalten." Ich werde Phil auch immer in Erinnerung behalten…und natürlich den Geist von Onkel Ernst.