Der lange Atem

Marschner_Rainbow
Eine wichtige Freundin hat Krebs! Die chemischen Waffen, die Chemiekeulen, die aggressiven Bomben, die Im Weltkrieg um Wohlstand eingesetzt werden, töten Menschen. So hat sich das Bild zu einer "Krankheit" bei mir entwickelt. Eine wichtige Freundin hat Krebs. Ich kann sie nicht besuchen. Ich verstecke mich. Ich frage seit Monaten nach ihrer gesundheitlichen Verfassung. Ich kneife nicht wirklich. Ich will nur Fragen vermeiden: "Sag mal, Claudia. Wie läuft das eigentlich ab, wenn man im Krankenhaus…wenn man auf dem Friedhof…" Die Bestatterin ist kein gutes Omen. Die Ausrede passt! Ich rede nicht mit anderen Menschen darüber, weil plötzlich ich bemitleidet und verstanden werde. Kein Mensch sagte: "Du besuchst sofort Deine Freundin!" So klangen die Menschen in der sozialen Marktwirtschaft. Der Kapitalismus unterstützt jeden Krieg. Jene Freundin ist deshalb wichtig, weil wir aus einem Holz sind. Knubbel und Knoten ertasten wir selbst. Die Vorsorgeuntersuchungen werden geschwänzt. Die Vorbildfrauen, die immer zur Vorsorge gingen, wurden schließlich auch vom Krebs angefallen. Bestrahlung, Haarausfall, Zerstörung der gesamten Zellen? Dann lieber der Tod. Wir beide überrumpeln sehr gerne Verordnungen. Tabletten werden früher abgesetzt. Schließlich kennen wir uns selbst besser; auch dann, wenn wir uns selbst überhaupt nicht mehr (er)kennen. Wir wollen zurück auf den turbulenten Damm, auf die Bahn. Wir gehen nicht in Schmerzen unter. Das Strampeln verbindet uns wohl. Ich warte und kneife. Ich mache einen Deal mit dem Tod: "Ich habe noch Schulden bei meiner Freundin; und vorher kann sie schließlich nicht sterben." Ein Ziehen in meiner linken Leiste macht sich breit. Der Tod lacht mich aus: "Ich kann Euch beide holen. Dich sogar vorher!" Annegret, DIE Gynäkologin, ruft mich an. Das kann nur ein Zeichen sein. Ich fahre zur Post und singe ein Lied. Nicht nur ängstliche Kinder singen, um die bösen Geister zu vertreiben. "Atemlos durch die Nacht…spür was Liebe mit uns macht." Dieses Lied vertreibt eindeutig die bösen Geister. Die freundlichen Mitarbeiterinnen der Post lachen. Mein letztes Gespinst springt in das Gesicht eines humorlosen Postkunden. Das sieht gar nicht gut aus. Eine wichtige Freundin hat Krebs! Ich muss noch die Buchhaltung machen, die Fenster putzen, Blumen bestellen. Ich muss noch Fotos bearbeiten, CD´s bedrucken, das Werkzeug im Keller sortieren. Fragmente kurven täglich durch meinen Kopf. Ich muss mich um meine Rente kümmern, ich muss dieser und jener Versicherung schreiben, ich wollte das Kochen lernen… Wie machen das Witwen, die minderjährige Kinder haben? Ich bin eindeutig nicht tough genug. Ich muss mich endlich um die Nachwirkungen meines Beinbruchs kümmern. Wahrscheinlich werde ich zu Tamburinklängen (arabisch: tambur, franz.: tambour) turnen und dabei bunte Bänder schwingen müssen. An der Ampel stehen Fensterputzer. Sie grabbeln an meiner Scheibe rum. Sie machen unangemessene Kussgesten. Ich vergraule sie. Ein genuscheltes: "Nazi!", weht in mein Auto. Ein falscher Geist sitzt auf meiner Schulter. Die Inflation der Formeln wundert mich nicht. Die Filme über Herrn H. flimmern für jede Altergruppe auf Youtube. Die haben ganz sicher keinen pädagogischen Wert. "Mit der AfD verschwinden dann auch die Homosexuellen…" Ein Mann im Supermarkt spricht offenkundig mit Strümpfen, Unterhosen und Buntstiften, die man dort in großen Körben verwühlen kann. Ich laufe an ihm vorbei und werfe ihm jenen Geist auf die Schulter, der fälschlicherweise bei mir gelandet ist. Eine wichtige Freundin hat Krebs! Ein Standesbeamter in Berlin Kreuzberg, der mich nie sah, sagte einst einem Kollegen: "Frau Marschner ist ja auch eine Punkt, Punkt, Punkt." Ich weiß bis heute nicht, wie die Spekulation über meine Sexualität zu der Beurkundung eines Sterbefalles passt. Ich weiß nun aber sicher, dass ich in Kreuzberg nie heiraten werde! Meine guten Geister zeigen mir täglich Bilder einer Rainbow Nation, weil der Hassnenner, auf dem sich alle Menschen absolut kultiviert treffen könnten, die Homophobie ist. Im Berliner Alltag, in dem sich Menschen gegenseitig mehr und mehr die Luft abschnüren, muss man einen ungemein langen Atem entwickeln. Und den habe ich.