In Scherben reflektieren

Marschner_Grabstein
Das Grab ist gewissermaßen eine Scherbe, in der man sich erkennen kann - wenn man das möchte. Unter dem Dach eines Hauses, das auf zwei Säulen steht, wird eine schöne und geschwungene Schrift gepflegt. Der Tomb Raider, also der Grabräuber, belegt mir die Bewusstlosigkeit einer Gesellschaft, die sich wieder an meinem Selbstbewusstsein stört. Mich selbst störte mein Bewusstsein nie. Meine Mutter, im Jahr 1943 geboren, schrieb ihre Abschiedworte auf Karopapier. Ihre Handschrift ist ungebrochen schwungvoll. Kein Buchstabe verliert sich, zerfasert sich am Ende ihrer Worte. Ihr Sinn für Proportionen ist, wie er immer war, vollendet. Der Druck auf dem Papier belegt ihre ruhige Hand, ihren klaren Geist, ihren Willen. "Ich kann nicht mehr!" Die vielen Karos auf dem Papier machten mich sehr traurig. Meine Großmutter, im Jahr 1905 geboren, hatte nach zwei überlebten Weltkriegen nur noch ihren kleinen Lederkoffer im Schrank übrig. In diesem Koffer wohnten wir alle, in der Rangfolge gestapelte Urkunden. In diesem Koffer wohnte keine Träne, keine Broschüre eines schlauen Trauerbegleiters, keine Empathie. Der Traumakoffer meiner Großmutter belegte ihr wieder das gefährliche Leben. Reflexartig holte sie den Koffer aus ihrem Schrank. Zielsicher zog ihre Hand die Urkunden meiner Mutter heraus - die sich nicht mehr wehren konnte, die nicht mehr kämpfen konnte, die nicht mehr "richtig" sein konnte, die nicht mehr atmen konnte, die nicht mehr leben konnte. Ich mag kein Karopapier! Bewusstlose Gitter beleidigen quasi das sehr genaue Millimeterpapier. Mein Selbstbewusstsein stört diese Gesellschaft - heute wieder. Mich störte es nie, weil es einen sehr langen Weg tapfer gegangen ist. Es wurde über zwei Generationen unterdrückt. Wie könnte ich die 68er nicht lieben. Diese Frage stellt sich - bewusst - nicht.