Multikultur in der Trauerkultur

In den 90er Jahren entstand eine Multikultur in der Trauerkultur in erster Linie über die Musik, so auch über Musikinstrumente. Bestattungen wurden bis dahin von Organisten, Streichquartetts, Trompetern und Sängern umrahmt. Die Herkunft der virtuosen Musiker, stets als "die spielen nur auf Friedhöfen" verlacht, spielte nie eine Rolle. Schließlich teilten alle Beteiligten ein Projekt: Die Bestattung. Sie muss richtig gut ablaufen. Die Blumen müssen frisch sein. Sie müssen natürlich pünktlich geliefert werden. Die Musiker müssen rechtzeitig erscheinen, damit sie sich einstimmen können. Alles muss an Ort und Stelle sein - bevor die Gäste eintreffen. Durch den Rückzug der Kirchen suchten Menschen Spiritualität. Sie verschlangen Bücher über andere Kulturen, über andere Religionen. Sie fanden heraus, wie Menschen in Indien, in Amerika, in Russland, in Asien, in Mexiko, in der Schweiz verabschiedet werden. Die Musikwünsche änderten sich. Plötzlich kamen Klänge von einem Akkordeon, einer Konzertmundharmonika, einer Pipe, einer spanischen Gitarre, eines Alphorns, einer Sitar, eines Klaviers hinzu - gefolgt von unzähligen Instrumenten, die über CD´s erklangen und somit leider an Tiefe einbüßten. Die Bestattungen wurden oft zweisprachig abgehalten. Als Ur- Berlinerin bin ich natürlich keine Bio-Deutsche (grauenvoll leere Wortakrobatik). Diese Behauptung ist durch die Geschichtsschreibung der Stadt falsch. Wenn ich Deutschland bereise, dann wie eine neugierige Touristin, die ebenso neugierig, manchmal skeptisch beäugt wird. Das ist durchaus keine Leidensgeschichte. Ich glaube wirklich, dass Deutsche auf der Suche sind. Das macht sie unruhig, ungeduldig, manchmal streng und sachlich. Sie sind wahrhaftig ungehalten, weil es immer nur um Steuern und Geld geht. Vielleicht fürchten sie sogar um ihre Seelen? Das mexikanische Totenfest bleibt ihnen im Kern verschlossen. Sie können ihre Toten auch nicht an einer offenen Feuerstelle, auf Reisig gebettet, verbrennen und die Asche in einen Fluß streuen. Dieses Ritual müssten sie romantisieren. Durch die Hygienegesetze wurden die Sinne trainiert. Auch im Leben werden die Sinne der Menschen trainiert, die lange in Deutschland leben. Sie werden von deutschen Politikern gezwungen, die deutsche Version eines Europas zu wählen. Das ist grauenvoll. Griechen wurden geketzt und diffamiert. Dabei war Vicky Leandros, die Kulturbeauftragte für Berlin werden sollte, schon in den 70er Jahren eine sensationelle Europa-Botschafterin. Sie sang nicht: "Theo, wir fahren nach Athen." Die Abgeordneten im Europaparlament waren in 20 Jahren nicht in der Lage ihre Telefonnummern auszutauschen. Mercator musste nachfragen, was ihnen fehlt. Politik, so fürchte ich, macht Europa kaputt. Man kann die Seelen der vielen und wunderbar unterschiedlichen Europäer niemals steuern. Und das ist gut so!