Dunkelheit
25/02/26
Am späten Sonntagabend, es war schon außerordentlich dunkel, fuhr ich gemütlich auf einer Landstraße - Richtung Berlin. Etwa 60 Kilometer lagen vor mir. Ich kam von einem Hausbesuch; und in mir klang das schöne Gespräch mit einer tollen Familie nach. Bei der Abfahrt hörte ich im Auto eine Art flitsch…flitsch...flitsch, das auf einen Kieselstein im Reifenprofil hinweisen könnte. Nach einigen Kilometern hatte ich den Eindruck, dass ich über einen kleinen Ast fuhr. Unmittelbar danach gab mir mein Bordcomputer die farbenfroh blinkende Meldung: "Luftdruckverlust Reifen vorne links." Er zählte sogar bis zur Null runter. Dazu spielte meine Playlist: "Killing me softly …with his song." Ich war froh, dass ich allein mit den Fugees in meinem Auto saß. Natürlich kam der Regen dazu. Ich stellte den Warnblinker an, nahm eine Zigarette aus dem Etui und rauchte. Dazu trank ich einen Kaffee. Ich war nicht verzweifelt oder hysterisch. Ich hatte auch keine Lust einen Reifenwechsel durchzuführen, weil der Autohändler die Vorrichtung für den Ersatzreifen nicht gefüllt hatte. Nach einer Weile haben sich meine Augen auf Dunkelheit eingestellt. Rechts und links standen die Bäume auch auf der Landstraße. Ab und an kamen Lichter näher, die sich in Autos verwandelten. Unheimlich viele Autofahrer hielten an und boten ihre Hilfe an. Ich könnte sie nicht beschreiben. Es war viel zu dunkel. Aber sie hatten alle nette Stimmen. Nach einer Weile hielt hinter mir ein riesiges Fahrzeug mit Scheinwerfern und Warnblinkanlage auf dem Dach. Wenn man ins grelle Licht schaut, sieht eigentlich jeder Mensch wie Robocop aus, aus dem selbst gelbe Lichter blinken. "Kann ich helfen?" Ich verneinte und bedankte mich freundlich für sein Angebot. Ein netter Mann wollte kurz den platten Reifen sehen. Das ist unfreiwillig komisch. Er hätte mich auch in eine Werkstatt geschleppt. Er war aber nicht der gelbe Engel. Dann verabschiedete er sich. Ich stieg ins Auto und rauchte eine weitere Zigarette. Dabei knabberte ich an einem Snickers. Nach einer Weile stellte sich dieses Gefühl in der Dunkelheit ein, das ich aus Teenagertagen kenne. Ein aus ungeahnten Untiefen kommendes Sicherheitsgefühl. Ich versuchte Ringe zu rauchen. Der erste Platten muss schon irgendwie auch genossen werden. Nach etwa 30 Minuten nahm ich mein iPhone und öffnete die App der gelben Engel. Eine humane Stimme ging sofort ans Telefon: "Ihre Mitgliedsnummer, bitte….aha….Ihr Standort in etwa, bitte….okay….der Kollege kommt in etwa 1 Stunde, meldet sich aber zehn Minuten vor Ankunft. Behalten Sie Ihr Telefon in der Nähe. Viel Glück." Ich saß im Auto und schaute in die Dunkelheit hinein. Sie wird heller, wenn man länger hineinschaut. Kein Haus, keine Tanke. Nur Feld und schlafende Bäume, die obdachlos am Straßenrand stehen. Bei so einem Wetter geht keine Maus raus. Nach zehn Minuten tauchten hinter mir wilde Lichtsirenen auf. Aus einem Bus stiegen sechs Menschen mit Uniformen. Sie betraten die Landstraße und steuerten auf mich zu. Die Dunkelheit färbte sich; aus schwarz wurde blau und wieder schwarz. Sie trugen Waffen, Funkgeräte und Taschenlampen, dazu schrill leuchtende Warnwesten. Das Licht störte mich fast. Ich sagte kurz: "Platten." Die sechs Menschen waren extrem jung. Vielleicht haben sie keine Eltern. Vielleicht sind sie deshalb nachts auf Landstraßen. Sie halfen mir. Ich konnte mein Warndreieck nicht finden. Ich sollte eine Neonweste anziehen, die sich in meinem Auto versteckt hatte. Sie sagten, ich solle, wie die Bäume, besser am Rand der Straße stehen und warten, hinter den Metallbanden: "Nicht, dass jemand mit 100 Sachen in Sie reinfährt." Ich kreuzte die Finger im Regen und nickte. Wir verabschiedeten uns. Ich setzte mich ins Auto und sah in die Dunkelheit hinein. Ich war dann auch bereit für den gelben Engel. Das Telefon klingelte: "Hallöchen. Na, wie geht´s? Alles klar soweit? Ich bin in zehn Minuten bei Dir und hole Dich. Keine Sorge." Zehn Minuten - und dann holt mich der gelbe Engel aus der Dunkelheit. Ich bin auch bereit. Die App zeigte einen kleinen gelben Punkt, der immer näher kam. Und dann stand der gelbe Engel vor mir. Auch er leuchtete. Am Straßenrand rauchte ich noch eine Zigarette; und dann fuhren wir zusammen in die Lichter hinein.