Der Neuanfang im Todesfall
25/01/26
Mein Onkel Wolfgang ist gestorben. Er war der ältere Bruder meines Vaters und meiner Tante. Nun ist es egal, woher er kommt, wer seine Eltern waren, welche Geheimnisse er tragen musste. Sein Tod ist nicht das Ende einer langen, extrem komplex großen Geschichte. Mein Onkel Wolfgang war wohl immer jener Junge, Teenager, Mann, der nie zu den von Echosmith besungenen 'cool kids' gehörte. Onkel Wolfgang kam 1937 in diese Welt. Er kiffte nie. Er war nie betrunken. Er war kein Tänzer, er war kein Esoteriker, kein Coach, er war unmusikalisch, er produzierte keine Skandale. Er hatte keinen Humor; und das produziert viel Humor. Er reiste nicht nach Ibiza oder Indien. Er war ein Wikinger? Sein Ruderverein ehrte seinen Geburtstag im Jahr 2022. Onkel Wolfgang ruderte. Er zog und schob das Wasser. Er saß mit anderen in einem Boot…die nur als synchrone Einheit gewinnen konnten. In einem Boot sitzen. Ein Leben lang in einem Verein wirken. Das ist genug, auch ohne Ehrungen und Pokale. Onkel Wolfgang war eine Art Berufssoldat. Er diente der Stadt Berlin. Er arbeitete über Jahrzehnte in einer Berliner Behörde. Er saß in einem Boot, egal wie staubig die Stuben waren. Er versuchte, eine städtische Mannschaft zu synchronisieren; und so wurde er Direktor einer wichtigen Organisation. Die Stadt Berlin sollte Menschen ehren, die ihre Westen so weiß halten, bis Familien daran zerbrechen. Onkel Wolfgang war nicht perfekt. Er war sogar weit entfernt davon. Er haderte. Womit haderte er? Das nimmt er mit ins Grab. Also geht es uns nichts an. Die Stadt und den Ruderverein lässt er ganz einfach zurück. Wen hinterlässt er? Er hinterlässt einen mächtigen Sohn, der den Raum voll und ganz betreten und füllen kann. Er kann den Raum verändern, umstellen, neu beleben. Er kann Wände einreißen. Er kann diesen Raum niederbrennen und für alle Zeit verschließen….bis sein eigener Sohn neugierig wird. Wolfgang Marschner. Der Name hat eine Bedeutung. Mein Onkel war hier. Er war auf diesem Planeten tätig. Er hat etwas hinterlassen, wie jeder Mensch, der hier war. Er war nicht der beste Mann. Er war nicht der beste Vater. Er war nicht der beste Onkel. Er war nicht der beste Bruder. Warum auch? Eines ist heute aber klar. Er war besser als meine beschissen hysterischen "Nachbarn", die nur dämliche Waschweiber sind und ihren Dreck in einem Haus produzieren können. Mein Onkel hat die Stadt gestaltet. Er war in seinen Booten niemals der kleine Hosenscheißer, der sich aus der Verantwortung zog! Er war kein Arschloch, der andere denunzierte, der sich hinter anderen versteckte. Er war kein Hohlkopf, der Blasen produzierte. Er war ein Steuermann. Er hat sich nicht an Vereinskassen bedient. Er hat sich nicht an Staatskassen bedient. Er hat nie die Seiten gewechselt. Er spendete viel Geld an Hilfsorganisationen. Er wusste, dass sein Sohn nicht hilfebedürftig ist…weil er sein Sohn ist. Kein Marschner geht unter. Wir schieben Wasser und wir ziehen an. Wir lassen einfach zurück und wir gehen - immer nach vorne. Machs gut, Steuermann! Leb wohl.