Vatertag und die unbeliebten Frauen
14/05/26
Der beste Vater ist natürlich mein Vater, weil er gegangen ist. Er hat früh ein Familienkonstrukt verlassen, das überhaupt nicht stimmte, in das er in den 1960er Jahren genötigt wurde. Er wollte nicht heucheln und er hat uns die Heuchelei erspart. Meine Mutter hat das verstanden und sie hat es ebenfalls genossen. Mein Vater wollte nicht, dass wir ihm gestreifte Krawatten schenken und so tun, als hätte meine Mutter genau die mit Liebe ausgesucht. Geschenke, die an einer Person vorbeigehen, sind schlicht eine Unverschämtheit. Keine Geschenke sind oft respektvoller. Seine Abwesenheit hat dafür gesorgt, dass niemand meine Schwester oder mich analysieren muss. Den Krug whatever happened to Baby Jane führte er an uns vorbei. Er hat uns nicht beeinflusst mit gesellschaftlichen Papa-Ideen, die er abstoßend fand. Meine Mutter hat aus uns natürlich keine bescheuerten Prinzessinnen gemacht. Sie wollte uns nicht in einer wie auch immer gearteten Bette Davis Rolle verhaften, in der wir aus jedem Mann einen neuen Papi formen. Meine Mutter ersparte uns also die groteske Babysprache. Mein Vater ersparte uns Mädchen ungemein viel Trauer. Wenn es ein Experiment der 68er Bewegung war, dann ist es gelungen. Natürlich müssen mir die Verfechter des Mami-Papi-Kults Verbitterung unterstellen. In ihren Augen bin ich nur eine halbe Frau, da ich keinen Mann habe. Sie können nur aus ihrer eigenen Wäsche herausschauen. Sie wären vielleicht glücklicher, könnten sie aus meiner Wäsche herausschauen…Also müssen und wollen sie freie Frauen und Männer in eben jene Knechtschaft bringen, um ein Konstrukt zu bestätigen, das sich gegenseitig einbaut und völlig verstellt, um Kinder zu erziehen. Mein Vater wollte keinen vollgepackten Alltag mit Stundenplänen. Meine Mutter wollte das auch nicht. Meine Schwester wurde dadurch eine schussfeste PS-Königin, die lange Angst vor Ihrer gigantischen Stärke hatte. Ich war begeistert - ohne Vater - denn immerhin gibt es Millionen Männer, die eine Vaterschaft ablehnen. Diese Aufrichtigkeit muss doch Anerkennung finden, denn immerhin sehe ich alltäglich keine tanzenden Paare, die sich lieben, vergöttern und sich dabei mit Weintrauben füttern. Ich sehe den harten Alltagstrott, müde Gesichter, ausgelaugte Mütter und Männer, die arbeiten, kochen, waschen, bügeln, Windeln wechseln, tragen, wuchten, Autos packen, Taschen schleppen, Kinderwagen schieben und schaukeln. Glück sehe und fühle ich nicht. Vermeintliches Glück wird auf Instagram in kleinen Sekundenfenstern der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Als mein Vater, wie so viele Väter, starb, hat er mir eine tiefe oder geheuchelte Trauer erspart. Er starb so, wie er in unser Leben kam, so, wie er sich von uns trennte: plötzlich und unerwartet. Natürlich ist eine Frau, die so etwas schreiben kann, eine unbeliebte und unbequeme Frau. Natürlich reagiere ich heute gereizt auf Papa-Attitüden. Der Papa-Typ erklärt immer nur die Verpflichtungen, weil er die Freiheiten nicht mehr kennt, weil er sie verlernt hat, weil er seinen eigenen Papa imitieren muss. Ich hebe also heute das Glas auf Männer und Väter, die sich von ihrer Familie trennten, denn ich treffe äußerst amüsante Scheidungskinder, die extrem erfolgreich sind und ich treffe viele amüsante alleinerziehende Mütter. Freiheit bedeutet, dass wir Familien natürlich nicht ächten und verdammen. Wir ersticken schlicht in diesen Gesellschaftsstrukturen. Sie sind extrem gefährlich, vor allem für Kinder, weil sie nie scheitern dürfen; und somit verachten diese Strukturen, die natürlich auch politisch sind, Menschen zutiefst.