60! Gewonnen
23/03/26
Seit dem 20. März 2026 bin ich 60 Jahre alt. Die edle Finalstrecke darf beschritten werden. Ich habe ein Leben gelebt, das mich ausgesucht hat. Ich habe mir meinen Körper nicht ausgesucht. Ich habe mir meine Eltern nicht ausgesucht. Ich habe mir meinen Geburtsort Berlin nicht ausgesucht. Ich habe mir den Kalten Krieg in Deutschland nicht ausgesucht. Ich habe mir die Hürden nicht ausgesucht und ich habe mir den Härtegrad meines Lebens nicht ausgesucht. Sogar der BeRuf hat mich ausgesucht. Ich habe gewonnen! Ich bin gesund geblieben. Ich bin körperlich fit geblieben. Mein Geist hat keinen Schaden genommen, weil ich nie Alkohol getrunken habe, weil ich nie Medikamente oder Drogen schluckte, weil ich nie gelogen habe. Ich habe gewonnen! Niemand konnte mich in Abgründe reissen. Niemand konnte meine Arbeit sabotieren. Niemand konnte mich in seine Kleinkriege zerren. Niemand konnte mich mit seinen Irrtümern vernebeln. Einer der populärsten Irrtümer ist, dass ich Tote versorge. Menschen dürfen nicht vergessen, dass Bestatter die sterblichen Überreste versorgen, die irdischen Geschenke, die das Leben verkörpern. In den ersten 20 Jahren musste ich mich in meinem Leihkörper zurechtfinden. Er war mir stets zu eng. Fehler passieren. Mein Körper ist wahrscheinlich ein Montagsmodell des Himmels. Ab dem 30. Lebensjahr wurde es besser. Ich lernte von einer Meisterin, wie ich das Schwere, das Belastende, das Erstickende aus meinem Körper werfe, wie ich meinen Leihkörper vor Fremdmüll schütze. Ich lernte von ihr, wo ich meine Gedanken produziere, welche Gefühle dann entstehen und wo ich meine Gefühle sortiere. Ab dem 40. Lebensjahr wurde es extrem leicht für mich. Mein Körper war eine Art Flugjet geworden. Ich wurde kaum müde. Ich brauchte weniger Schlaf, um zu regenerieren. Mein Humor sprudelte, meine Fantasie verdrängte schlechte Laune. Das Thema Nähe und Distanz war dann ein sehr leichtes Thema. Trampeltiere, Übergriffige und Grobmotorische bereiten körperliches Unbehagen. Sie verursachen schlichten aber effektiven Brechreiz. Ich lernte von meiner Meisterin, diesen Brechreiz extrem ernst zu nehmen. Österreicher bringen jene Grobmotorischen bissig und extrem scharf gewürzt auf den Punkt: "Die scheißen immer dort wo gegessen wird." Nelly Sachs schrieb hingegen: "Immer dort wo Kinder sterben werden die leisesten Dinge heimatlos…Immer dort wo Kinder sterben verbrennen die Feuergesichter…Immer dort wo Kinder sterben verhängen sich die Spiegel der Puppenhäuser…" Nelly Sachs meinte nicht nur den leiblichen Tod. Als ich 50 Jahre in meinem Körper lebte, wurde ich in meinem Beruf besser und präziser. Meine Gedanken und Gefühle blieben, durch gute Sortierung, jung. Meine Geschäftspartner blieben seriös und auch sie wurden fachlich immer kompetenter. Meine Hinterbliebenen wurden immer freundlicher. Im Privatleben blieben Freunde immer Freunde. Sie erinnern mich an meine Roots. Sie erinnern mich, wie wir vor langer Zeit in unseren brandneuen Körpern eierten. Sie erinnern mich an unsere Sturzflüge und Crashs, bis wir laufen, springen und fliegen konnten. 60 war immer das Mindestziel. Und heute bin ich 60 Jahre alt. 60 ist Paris. 60 ist New York. 60 ist orientalisch, wie 1001 Nacht. 60 ist Politik. 60 ist Weltbühne. 60 ist echt, wenn alles gut gelaufen ist. Ab jetzt fliege ich die nobelste Strecke, die das Leben zu bieten hat. Die Finalstrecke beschreibt die Strecke zwischen dem 60. Lebensjahr und dem 80. Lebensjahr. Die lang ersehnte Flugstrecke im Leben, die viele tolle Menschen leider nicht erreichen konnten. Niemand kann diese Strecke sabotieren, weil Niemand keine Ahnung hat, welchen Verlauf diese Strecke nimmt. Und sollte ich mit 80 Jahren sterben, dann möchte ich ins frische Gras beißen dürfen.