Wenn die Vorgänger sterben
15/08/26
Helmut Lethen ist am 13. August 2026 in Wien gestorben. Er wurde 87 Jahre alt. Junge Menschen fragen: "Und?!" Helmut Lethen ist ein Kulturwissenschaftler, der auch post mortem entfaltet. Er hat 9 Bücher geschrieben. Meine ausgesuchten Meisterwerke von ihm sind >>Verhaltenslehre der Kälte<< und >>im Schatten des Fotografen<<. Die ZEIT schreibt, der Tagesspiegel schreibt, Verlage schreiben, alle schreiben Nachrufe und Hymnen. Sie sind scheinbar nicht traurig, eher fühlen sie sich alle verpflichtet. Ich finde das elitär. Mit ihren Artikeln fällt aber auf, dass sie stets extrem milde über seine Gattin schrieben. Sie fanden einen Linken und eine Rechte auch spannend. Sie wollten wissen, wie das so geht, wie man damit so lebt, da beide auch drei Kinder haben. Medien geben den professionellen Sommelier. Sie servieren uns bei Helmut Lethen quasi einen bekömmlich enorm reifen und teuren Rosé. In der Küche mixen sie allerdings einen Weißwein und einen Rotwein. Das ist natürlich nicht akademisch. Das ist Street smart. Ich bin traurig, weil Helmuth Lethen die Generation meiner Eltern beschreibt und verkörpert. Zu seiner Generation gehören Jíl Sander, Peter Lindbergh, Romy Schneider, Iris Berben, Gloria Steinem, Hannelore Elsner, Erika Pluhaar, Hanna Schygulla…Sie alle umhüllt eine dünne Kältefolie, die fast ein himmlisches Geschenk zu sein scheint, da sie alle den Krieg im Mutterleib erfuhren, im Krieg geboren wurden. Wir Kinder wussten, dass hinter diesen futuristischen Folien Wunder versteckt wurden, deshalb haben wir die Folien unserer Eltern nie bösartig zerrissen. Das war eine Art unausgesprochenes Gesetz. Die Generation von Helmut Lethen hat diesen leicht abschweifend verlorenen Blick, dieses eine nicht zu erreichende Gen, dieses milde Lächeln, das innere und äußere Monstren besiegen und töten kann. Meine Generation blieb immer ein wenig Zuschauer, wir Kinder waren Follower. Ich hatte auf eine angenehme Art nie das Gefühl, dass ich strenge oder lockere Eltern hatte. Ich hatte eher das Gefühl, dass ich mit autonomen und sozial ambitionierten Menschen lebte. Sie konnten mich lassen, mich in Ruhe lassen. Die Mode von Jil Sander hat Frauen endlich in Ruhe gelassen. Die Fotos von Peter Lindbergh lassen Frauen in Ruhe, lassen Frauen auch miteinander spielen. Helmut Lethen konnte zuhören, er konnte seine Frau in Ruhe lassen. Er konnte ihre Arbeit in Ruhe lassen. Er ist ein durch und durch politischer Linker, da echte Linke die Opposition brauchen, wie Fische das Wasser; um nicht Herrscher zu werden. Helmut Lethen hat eine autonome Frau gesucht und gefunden. Der in weiten Hintergründen liegende Chauvinismus sei ihm gegönnt. Eine jüngere Frau kann weitaus intelligenter sein, als eine ältere oder gleichaltrige Frau. Das könnte meine Traurigkeit nicht schmälern. Meine Generation muss sich zwangsläufig politisch aufstellen. Das ist so enorm schwer, dass ich erst jetzt merke, welch ein "Monster" die 68er Generation bändigen konnte und kann.