Der blinde Fleck
11/09/26
Der 11. September 2001 war in Berlin ein schöner Septembertag. Ich dachte nicht über Amerika nach. Ich zählte auch nie die Tage bis zum 20. September, an dem meine Großmutter Geburtstag hat. Ich denke nie über Kräftemessen nach. Meine Großmutter ging durch den Ersten Weltkrieg und durch den Zweiten Weltkrieg. Ihre Geburtstage vielen also ziemlich oft aus. Im Kalten Krieg lernten wir Amerika kennen. Das Land der Träume, der Traumtänzer, der heiteren Visionäre, der Stars. Ein Land der ultimativen Freiheit, ein Land, das Donald Duck bemühte, Hitler zu karikieren, Antifaschismus in die Kinderzimmer zu bringen, musste bewundert werden. Die Linke in Berlin tobte gegen den Imperialismus; und ich habe sie nicht verstehen können. Die Linken in Berlin waren extrem gebildet, so, als sollte ich sie nicht verstehen müssen. Konnten sie tanzen oder singen? Trugen sie Mickey Mouse Shirts? Konnten sie die damals begehrten Nike-Turnschuhe besorgen? Hatten sie lustige Walt Disney Filme? Nein. Ihre Filme waren schwer und düster. Ihre Sätze waren verschachtelt, fremd und massiv. Die Linken schienen nie ein Loch im Bauch zu haben. Sie wirkten auf mich, als hätten sie keinen Lebenshunger. Nie waren sie Arbeiter, obgleich sie Arbeiterkleidung trugen. Sie mochten Arbeiter und Handwerker nicht wirklich. Sie sahen die weltweite Ausbeutung und sie sahen Kriege. Oriana Fallaci, eine italienische Journalistin, war eine Kriegsreporterin im Vietnamkrieg. Ein Krieg, den bis heute kein Mensch logisch begründen kann. Ihre Bücher Wir, Engel und Bestien und Nichts und Amen gehören zu den extrem guten Büchern. Meine Großmutter konnte Frauen nicht verstehen, die freiwillig in Kriegsgebiete gingen. Sie hatte genug scheußliche Kriege gesehen. Sie war ein friedlicher Mensch. Sie war kein Kampftier. Mit dem 11. September schrieb Oriana Fallaci den Text Die Wut und der Stolz. Er war eine radikale Abrechnung mit dem Islam. Im Jahr 2006 starb sie. Medien feiern sie als kompromisslos, als eine Frau an vorderster Front, als Leidenschaftliche. Am 11. September 2001 stand ich, wie so oft, im Imbiss von Mohammed und seiner Frau. Ich bestellte Pizza und wartete. Sein Fernseher lief. Der Imbiss füllte sich plötzlich so merkwürdig schnell. Die Bilder des Anschlags in New York fielen in der berliner Fidicinstraße über uns her. Zwei Tower, Rauch, viele Nachrichten-Ticker. Ich verstand nicht. War das Flugzeug unbemannt? Wie sollte ein Pilot in die Tower fliegen und gleichzeitig aus dem Flugzeug gelangen können? Ich wollte nicht so schnell verstehen, dass ein Pilot, der ein Passagierflugzeug steuert, sich und andere Menschen bewusst in ein grausames Sterben zerrt. Meine Psyche blendete zunächst Menschen in den Twin Towers aus. Tage später kamen die Bilder jener Menschen in den Gebäuden, die sich teilweise aus den Fenstern stürzten. Heute sitze ich im Geiste in einem Flugzeug. Ich bin Amerikanerin und will meine Familie besuchen. Ich muss nicht nachdenken. Ich unterstelle, dass jeder Mitarbeiter auf den Flughäfen seine Arbeit macht, meinen Koffer in den Frachtraum gibt, die Maschine betankt, die Sitze und den Innenraum putzt. Ich gehe davon aus, dass der Kapitän ausgeschlafen ist und sein Flugzeug voll im Griff hat. Wir steigen also auf. Ich freue mich, meine Familie in einer Stunde sehen zu können. Ich habe ein Geschenk an Bord, das die ganze Welt verändern wird. Plötzlich steht ein Mann auf, wütet wild im Passagierraum herum und stoßt ein Mantra aus. Alle sind still. Nach einer Weile sehe ich Menschen, die wohl Nachrichten über ihr Smartphone versenden. Nach einer weiteren Weile wird klar, dass das eigene Leben völlig aus dem Ruder laufen könnte, weil es ein Fremder in der Hand zu halten scheint. Drohgebärden schüchtern ein, mein Nachbar weint. Er hat große Angst. Eine ältere Dame hält sich ein Taschentuch vor den Mund. Sie braucht einen Schalldämpfer, um Schreie unterdrücken zu können. Ich stehe auf und ziehe mein Handgepäck aus dem Case. Der fremde Mann schreit mich an und ich bitte um einen Moment der Aufmerksamkeit. Ich gebe dem Attentäter ein Banner und bitte ihn, dieses Banner aus einer Öffnung des Flugzeuges wehen zu lassen. Er versteht noch nichts. Der Pilot hilft uns. Er versteht sofort. Beide folgen mir aus unerfindlichen Gründen. Ich bitte den Piloten und den Attentäter darum, viele große Schleifen um das World Trade Center zu fliegen, sodass alle Menschen in New York das Banner lesen können. Und so lesen die New Yorker: "Die Aktien der Airlines werden steigen! Die Put-Optionen treiben die Spekulanten nun selbst in ihren eigenen Tod." Das Flugzeug bereitet später alles für eine Landung vor. Alle Passagiere wirken plötzlich ziemlich britisch, so, als hätte es nie einen Vorfall gegeben. Sie sortieren sich, ihre Kleidung und ihr Haar. Sie alle tragen etwas Großes aus dem Flugzeug - in die Welt hinein. Als Banken die Regierungen heirateten, Bargeld, also Renten und Lohntüten, aus der privaten Verwaltung gezogen werden sollte, sagte meine Großmutter zu uns Kindern:"Banken sind die größten Verbrecher." Ich bedaure zutiefst, dass ich sie, mit ihrer Erfahrung, nicht wirklich ernst genommen hatte.