Opfer
31/07/26
Überlebende oder Getötete eines Attentats sind keine Opfer! Sie haben freiwillig nie ein Opfer bringen wollen. Sie sollten auch kein Opfer bringen. Sie sollten sterben, weil sie in Täterköpfen nicht existieren. Überlebende sind Menschen mit einer besonderen Erfahrung. Der Tod und die Barmherzigkeit rutschen in ihr Unterbewusstsein. Diese Menschen haben plötzlich ein Auge im Hinterkopf. Diese Menschen sehen und fühlen, dass Menschen hinter ihrem Rücken mit dem Finger auf sie zeigen: „Das ist das Opfer des Attentats.“ Das Wort Opfer macht aus Menschen minderwertige Opfertiere, die so dumm waren, an einem Ort zu sein, an dem eine Tat vollbracht wurde. Opfer haben versagt, sie haben verloren. Opfer sind Menschen, die nur Märtyrer spielen wollen. Besonders für Männer löst das Wort Opfer eine Entmännlichung, eine Entmaskulinisierung aus. Ein Attentäter wird nicht durch eine Tat wichtig oder berühmt. Der Frieden, der in Chaos verwandelt wird, ist für fragwürdige Journalisten aufregend, magisch, geradezu sensationell. Bis heute folgen sie kurioserweise Attentätern, die im Grunde nichts können, keine Geschichte bieten. Journalisten untersuchen im Grunde Tatorte, um einen Täter zu feiern. Der Täter ist für sie ein Gewinner! Überlebende sind es aber, die etwas können. Sie sind es, die das Chaos am Tatort vorher aufgenommen haben. Sie tragen nach einem Attentat Frieden, alles Chaos und alle Schmerzen in sich. Diese Chemie trägt eine neue Welt in die Welt. Neue Töne, neue Bilder, neue Schriften, neue Gedanken, eine neue Politik, eine neue Wichtigkeit. Sie tragen das rohe NEUE in sich. Journalisten haben große Angst vor Menschen, die ein Attentat überlebten, denn sie sind keine Opfer. Sie sind im Kern gefährlich, weil sie etwas Schlimmes überlebt haben. Wenn Überlebende bei einer Opferberatung sitzen, merken sie, dass sie an einem falschen Ort sind. Wenn sie bei einem Psychologen sitzen, merken sie, dass im Grunde nicht sie eine Therapie brauchen. Sie müssten in der alten Welt sagen: „Ich habe gewonnen. Der Attentäter konnte mich nicht töten. Ich habe aus einem Täter eine leere Hülle gemacht. Ich bin der Tatort. Er ist niemand mehr.“ Die meisten Überlebenden wollen natürlich keine Täter werden. Sie ziehen sich zurück. Sie schweigen. Sie verbergen. Auch der Staatsapparat macht aus unserem Land ein Täterland – nach wie vor. Renate Künast, eine Juristin, eine hochrangige Politikerin, die Deutschland immer diente, die sich auf vielen Ebenen verdient machte, erhält vom Landgericht Berlin die Bescheinigung, dass sie ein Opfer sein muss und ein Opfer bleiben soll. Die Kammer war der Ansicht, dass sie als Politikerin sich auch sehr weit überzogene Kritik gefallen lassen muss. Äußerungen wie „Knatter sie doch mal so richtig durch, bis sie wieder normal wird“ wurde als mit dem Stilmittel der Polemik geäußerte Kritik gewertet. Die Unterstellung, dass Künast „vielleicht als Kind ein wenig zu viel gef...“ wurde, ist laut Beschluss „überspitzt, aber nicht unzulässig“. Die Forderung, sie als „Sondermüll“ zu entsorgen, habe Sachbezug. Attribute wie „Stück Scheiße“, „Schlampe“ sowie „Geisteskranke“ wurden als Auseinandersetzung in der Sache gewertet. Richter erweiterten den Tatort. Sie sind nun nicht mehr wichtig, denn Frau Renate Künast, als Überlebende, hat die Richter, wie leere Hüllen, zurückgelassen. Sie trägt nun den Frieden und das Chaos in sich. Erst dadurch kann sie neue Gedanken denken, neue Töne formulieren, neue Geschichten erzählen. Es ist also geradezu dumm, wenn Journalisten Täter werden, die Überlebende als Opfer bezeichnen, um ihre ehrlichen Gedanken zu unterdrücken.