Kulturbanausen

Das deutsche Problem in der Trauer ist die fehlende Kultur. Das deutsche Problem in der Politik ist die fehlende Kultur. Und so zerreißen wir. Wir verlieren unsere menschliche Verbindung und das führt zu Missgunst, zu Kritteleien, zu Mäkeleien. Es führt allenfalls in einen gesellschaftlichen Eiertanz; und der ist peinlich. Wer ist schuld? Die 68er Generation - und ich. Wir beide sind schuld, weil wir am Ende Kulturbanausen befördert haben. Nach dem 2. Weltkrieg wirkte der gesamte Bestattungsbereich in einem Tabubereich. Bestatter arbeiteten im Off. Kein Bestatter gab in den 1960er Jahren Interviews. Kein Bestatter ging in Talkshows. Der Aberglaube begründete das Off, weil Menschen den Tod nicht beschwören wollten. Die Kirchen begründeten das Off, weil sie den gesamten Bestattungsakt ausfüllten. Der Bestatter ist ein ausführender Handwerker, zu Hause in der Rolle B der Handwerkskammer. In die Rolle A darf nur das Vollhandwerk eingetragen werden - zum Beispiel ein Tischler. Insofern ist es kurios, dass der Bestatter häufiger in den Medien vertreten ist, als sein Meister - der Tischler. Die 68er-Generation war mit der Institution Kirche nicht einverstanden. Sie demontierten die Sünde. Sie knautschten die Äpfel nach Herzenslust; und sie nahmen Steine von den Schultern derer, die dachten, ein Suizid wird mit einer Zwischenwelt bestraft, womöglich mit einem Fegefeuer, womöglich mit einem wirkungslosen Redner bei der Bestattung eines Familienmitgliedes. Die 68er-Generation hängte das muffige Klischee eines einheitlichen Familienbildes ab. Und doch waren die Menschen der 68er-Generation keine Antichristen. Sie gingen nicht in die Kirche und drehten die Kreuze auf den Kopf. Sie gingen einfach in die Welt hinein. Sie forschten, sie transportierten, sie lernten, sie studierten, sie experimentierten. Sie versuchten ein neues Bild für Familie zu finden - durch Selbstbestimmung, durch Emanzipation, durch Mitspracherecht in der kleinsten Zelle einer Gesellschaft, durch antiautoritäre Erziehung, durch freie politische Meinungsbildung. Die Black Panther Party for Self-Defense in Amerika organisierte Frühstück für Kinder, weil sie in der Auseinandersetzung mit Wissenschaft herausfanden, dass sich durch gesunde Nahrung die Konzentrationsfähigkeit der Kinder in den Schulen verbessert. Das wird heute natürlich nicht beleuchtet. Nicht ohne Grund schrieb Ulrike Meinhof das Drehbuch Bambule. Es ging nicht um ein aberwitziges Experiment. Es ging darum, Menschen ab dem Tag ihrer Geburt in Freiheit wachsen zu lassen. Das Werk der 68er Generation ist gelungen! Es wurde von meiner Generation kaputtgemacht. Eines Tages hielten schöne "Züge" auf allen "Bahnhöfen". An den Waggons klebten schillernde Werbebanner mit dem Slogan: "Vom Tellerwäscher zum Millionär." Heute würden die Namen Google, Twitter, Youtube und Instagram auf den Bannern stehen. Meine Generation stieg in diese Züge und wir fuhren einfach in ferne Länder. Wir bedienten uns am Buffet des Lebens. Nachdem ich bunte Farben in meine Branche kippte, die Kirche nicht mehr ganz so päpstlich war, brachten Deutsche Kulturstücke von ihren Reisen mit, die sie von einem Buffet der Weltkultur nahmen. Sie zelebrierten eine Bestattung durch indische Rituale. Sie spielten Musik aus Asien und zelebrierten buddhistische Rituale. Sie besaßen Räucherwerk aus Marokko und entzündeten es bei einer Abschiedszeremonie. Sie übernahmen kulturelle Stilmittel der Native Americans. Ein wenig Tibet, eine Prise Chopin, ein Hauch von Indien, ein Tröpfchen Schamanismus, ein bis zwei Gramm Jesus Christus, ein Om am Ende und alle Gäste stehen im Kreis. Deutsche möchten in der Schweizer Natur beerdigt werden. Deutsche möchten in Tschechien bestattet werden. Deutsche lassen sich in der Türkei bestatten, in Amerika, in Marokko, in Indien. Das ist wunderbar. Menschen, die in der DDR aufwuchsen, haben das sicher anders erlebt, was nicht Hinterwelt meint, weil Nina Hagen bereits 1978 das Lied >auf' m Friedhof< sang. Und ihre Interpretation war, für deutsche Verhältnisse, absolut frei. Sie trat später dem Hinduismus bei und ließ sich nach dieser Erfahrung christlich taufen. Sie lebte in einem Ashram, in Berlin und auch in Los Angeles. Sie interpretierte aus vielen Perspektiven. Rammstein hat den Song Stripped von Depeche Mode mit Bildern von Leni Riefenstahl verbunden. Stripped meint übersetzt ausgezogen, unbekleidet. Depeche Mode ist eine britische Band. Der Song leitet ein: "Take my hand - come back to the land. Let´s get away - just for one day." Bezeichnenderweise wurde dieses Video heftiger kritisiert als das Buch >Mein Kampf<, das in Schulregalen stehen soll, also ein "let me see you stripped" in eine deutsche Uniform steckt. Es ist eine bewusst versteckte Propaganda und führt zur Spaltung der multikulturellen Idee bereits im Kindesalter.
Durch die Entkoppelung von Gesellschaft und Kirche, von Staatsapparat und Gesellschaft, von Geschichte und Gesellschaft, von Moral und Gesellschaft wurden wir alle Einzelgänger. Was verbindet Menschen - auch in der Trauer? Die Traurigkeit selbst ist keine Verbindung. Mitleid ist keine Verbindung. Ohne eine Antwort wird es keine echte Empathie geben.